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Das arme Moldawien und die reiche Schweiz

 

Ein persönlicher Vergleich zwischen Moldau und Schweiz

 

Ein Blick von aussen auf unsere Kultur...

Seit dem Jahre 2006 kenne ich als Schweizer die Republik Moldova, oft auch Moldau oder Moldawien genannt. Da meine Frau aus dieser Region stammt und häufig Kontakt mit ihrer Familie dort pflegt, weilen wir recht oft in Moldawien. Nun gestatte ich mir hiermit mal einen Blick von aussen auf unsere meist hochgelobte Schweiz. Zunächst mal einige Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Ländern. Moldawien hat auch vier Sprachen wie die Schweiz, nämlich Rumänisch, Russisch, Ukrainisch und Gagausisch. Gagausisch ist eine ausserhalb von Moldawien meist unbekannte Sprache mit türkischen Wurzeln, die von einer kleinen Minderheit gesprochen wird. Weiter ist Moldwawien ein kleines Binnenland, nicht wesentlich kleiner als die Schweiz, umgeben von mächtigen Nachbarn. Dann prägt die Landwirtschaft auch in Moldawien bis heute immer noch stark die Gesellschaft und die Kultur. Die Idee, dass die Ernährungssicherheit in der Verfassung festgelegt wird, könnte auch einem moldauischen Kopf entsprungen sein.

Es gibt natürlich auch viele Dinge, die in der Schweiz besser funktionieren als in Moldawien, davon lesen oder hören wir ab und zu in der öffentlichen Berichterstattung. Moldawien wird oft mit negativen Themen in Verbindung gebracht wie beispielsweise Menschenhandel, Nierentransplantationen, nicht ausbezahlte Löhne und und und... Doch wie sieht der umgekehrte Fokus aus? Was ist denn besser in Moldau oder zumindest qualitativ ganz anders? Hier nur ein paar kleine Dinge von mir beobachtet, die mir aufgefallen sind.

Esel mit WagenGelassenheit
Wenn der Zug hier fünf Minuten verspätet abfährt, dann höre ich im Zug bereits Leute, die sich beschweren. Diese Beschwerden tönen viel dramatischer, als wenn in Moldau ein ganzer Zug ausfällt und trotz Ankündigung gar nicht fährt.

Gastfreundschaft
In Moldawien bist du, vor allem auf dem Land, als Gast immer willkommen. Man nimmt sich Zeit und gibt sein letztes Hemd oder schlachtet das fetteste Huhn für dich. Hier in der Schweiz musst du dich drei Monate im voraus anmelden, wenn du einer dir befreundeten Familie einen Besuch abstatten willst.

Wenig Sorgen für morgen
Moldauer können den Moment geniessen und feiern, voller Lebensfreude und Zuversicht, ohne Sorgen für das morgen. Wir Schweizerinnen und Schweizer machen uns im Gegensatz dazu allzu oft Sorgen. Letzthin sagte mir ein Bekannter, der sich diesen Winter Ferien auf den Malediven leistet, er würde sich zwar auf die Ferien auf der Insel freuen aber sich auch ein bisschen sorgen, weil dann im Sommer die Ferienkasse leerer sein werde.

Naturnah und pragmatischHuhn
In Moldau kann dasselbe Huhn sowohl Eier legen als auch als Speise auf dem Tisch dienen. Bei uns legen die Hühner für die Fleischproduktion keine Eier und diejenigen, die Eier legen, können nicht gegessen werden. In der saisonalen Küche sind uns die Moldauer auch mit grosser Selbstverständlichkeit um Meilen voraus. Im Frühling freut man sich in Moldau auf die Erdbeeren, im Sommer auf das Mais, im Herbst auf die Trauben und zu Beginn des Winters auf den ersten Wein des aktuellen Jahres.

Reparatur bei Defekt
Wenn in Moldau eine Strasse oder eine Wasserleitung geflickt wird, dann war diese kaputt. Im Gegensatz bei uns. Wir reparieren, bevor etwas kaputtgehen könnte. Dies ergibt dann zwar eine höhere Funktionstüchtigkeit, die wir aber teuer bezahlen. Hinzu kommt, dass wir uns sehr oft Gedanken machen, dass etwas kaputtgehen könnte.

Respekt in der Gesellschaft
In Moldau habe ich bereits oft festgestellt, dass einem alten und gebrechlichen Menschen im Bus viel schneller und selbstverständlicher ein Sitzplatz angeboten wird als hier bei uns. Ebenso schwangeren Frauen, kleinen Kindern, Blinden…Pensionierte haben dort auch das Recht, sich in einer Warteschlange vorab zu stellen, während sich hier die Leute darüber beklagen, dass Pensionierte es wagen würden, in der «Rushhour» einzukaufen, wo diese doch den ganzen Tag Zeit hätten.

Dies nur ein paar wenige Beobachtungen meinerseits. Meinen Lebensmittelpunkt möchte ich trotz den hier beschriebenen Themen nicht nach Moldawien verlegen. Ich will hiermit auch nicht beschönigen, dass es in Moldawien sehr viel Entwicklungsbedarf gibt und das Leben dort sehr hart ist. Aber ein kritischer Blick auf unsere reiche Schweiz tut allemal gut und zeigt, dass hier auch nicht immer alles Gold ist, was glänzt.

 

Dr. Urs Tschanz

Geschäftsführer

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