Corona-Krise und Digitalisierung, wir haben genug! – Ein Gegentrend

Die Corona-Krise hat unser aller Leben auf den Kopf gestellt. Konferenzen, Meetings, Vorlesungen und Dienstleistungen werden online angeboten. Dadurch müssen wir das Haus nicht mehr verlassen, der Arbeitsweg verkürzt sich und während eines Meetings können wir den Haushalt erledigen. Auch für die sozialen Kontakte lässt sich ein Weg finden, damit wir nicht vollkommen vereinsamen – wie beispielsweise das virtuelle Bier oder ein Zoom-Dinner. Für kulturelle Unterhaltung ist ebenfalls gesorgt, da gibt es nun virtuelle Theatervorführungen und Museumsbesuche.

Die Corona-Krise hat auf jeden Fall ihre Sonnenseite. Denn die Digitalisierung ist vorangeschritten, wodurch unter anderem die digitalen Kompetenzen aller Betroffenen gestärkt oder gar gebildet wurden. Betroffen davon ist der 8-jährige Simon, der seine Hausaufgaben digital erhält und erledigt, betroffen ist auch der Dozent, welcher seine Vorlesungen nun online halten muss. Klar ist, die Pandemie betrifft alle, die Digitalisierung ebenfalls!

Was macht das nun mit uns Menschen, wenn unser ganzes Leben plötzlich in den eigenen vier Wänden stattfindet und der soziale Kontakt virtuell beschränkt ist, Umarmungen und Händeschütteln zu einer Seltenheit werden?

Wir Menschen besitzen ein natürliches Bedürfnis nach Nähe und Bindung. Dieses Grundbedürfnis nahm bereits Maslow in seine Bedürfnispyramide auf und die Bindungstheorie des 20. Jahrhunderts unterstreicht dies bis heute. Es trägt zu unserer psychosozialen Gesundheit bei (Grawe, 2000). Können nun die digitalen Kanäle dieses Grundbedürfnis stillen? Pietzcker (2014) zeigt auf, dass sie es nicht vollends stillen können. Er postuliert sogar, dass es einen Trend nach analogen Nischen gibt, da digitale Kanäle unfähig sind, echte Nähe und Bindung aufzubauen. Die Studie der Forschungsstelle sotomo (2020) zeigt, dass sich die Gemütsverfassung der Schweizerinnen und Schweizer seit der Krise verändert hat. Der Anteil an sehr gutem und gutem Gemütszustand sinkt. Dies vor allem in der Altersgruppe der 25- bis 34-jährigen, die Personen, die sich im Privat- und im Berufsleben in einer anspruchsvollen Übergangsphase befinden. Natürlich spielen dafür viele verschiedene Variablen eine Rolle, eine davon ist die Pandemie und ihre Folgen für unser soziales Leben.
Digitalisierung ist grossartig, ermöglicht und erleichtert vieles. Dennoch hat sie ihren Grenznutzen, denn sie ersetzt den persönlichen Kontakt nicht. Digitale Technologien sind eine Lebenshilfe – sie sollen und werden unser Leben nicht komplett einnehmen. Bereits vor einigen Jahren wurde eine Rückkehr zur Analogie beschrieben, wie am Beispiel von Pietzcker (2014) ersichtlich, durch die Krise wird dies nun sicherlich deutlicher spürbar. Der deutsche Philosoph Willhelm Schmid postulierte bereits im Jahre 2018: “Auf die Entpersonalisiernug reagieren immer mehr Menschen mit der neuerlichen Suche nach dem Persönlichen, nach real erfahrenen Beziehungen, nach wirklicher Freundschaft und Liebe.”

Diese Erkenntnisse können schlussendlich auch auf die Arbeitswelt bezogen werden. Digitalisierung ist wichtig und unterstützend. Die online-Workshops werden die face-to-face Workshops jedoch nicht überrennen. Home-Office wird genutzt werden, es wird das Vorortarbeiten nicht ersetzen und Mitarbeiterführung und -entwicklung wird weiterhin mehrheitlich im persönlichen Kontakt stattfinden.

Wir freuen uns, wenn das tägliche Leben und die Arbeit wieder ohne social distancing stattfinden kann.

Norina Maissen B.Sc. Psychologie
Personalentwicklerin

Literatur:
Forschungssstelle sotomo; Bosshardt, L., et al. (2020).
Die Schweiz und die Corona-Krise. Monitoring der Bevölkerung. Grawe, K. (2000). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe
Pietzcker, D. (2014). Die neue Sehnsucht nach dem Analogen – Retrotrend im digitalen Zeitalter als Kommunikationsstrategien. In: S., Dänzler & T., Heun (Hrsg)., Marke und digitale Medien.
Schmid, W. (2018). Digitalisierung war gestern – es gibt eine Wiederentdeckung der Sinnlichkeit abseits der Gerate. Neue Zürcher Zeitung. https://www.nzz.ch/meinung/digitalisierung-war-gestern-es-gibt-eine-wiederentdeckung-dersinnlichkeit-abseits-der-geraete-ld.1436918 B

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