Ist weniger mehr?

Flexiblere sowie kürzere Arbeitszeiten, mehr Feiertage, höhere Löhne, die Möglichkeit Home Office zu nutzen, verlängerter Vaterschaftsurlaub, ein Fitnessabonnement umsonst, bessere Sozialleistungen, Kinderbetreuungsangebote bei der Arbeit, vergünstigtes Verpflegungsangebot und, und, und – was will die heutige Arbeitnehmerschaft denn noch?

Nicht lange ist es her, als ich mit meiner 98-jährigen Grossmutter über die heutige Sicht der Arbeit gesprochen habe. Als ehemalige Restaurantinhaberin mit sieben Kindern weiss sie, was hart zu arbeiten bedeutet und ist der Meinung, dass die heutige Arbeitnehmerschaft es verlernt habe, «einfach mal durchzubeissen». Doch ist es angemessen, die aktuelle Situation mit derjenigen vor rund mehr als 60 Jahren zu vergleichen? Natürlich nicht. Aus der Retrospektive gesehen hat das moderne Arbeitsverständnis zahlreiche Vereinfachungen herbeigeführt, wodurch auch zeitlich enorme Einsparungen gemacht werden konnten. Doch dies bedeutet keinesfalls, dass die Anforderungen an die Arbeitnehmenden sowie das Arbeitsvolumen und die Belastung heutzutage gesunken sind. Wir sind nun an einem ganz anderen Punkt angekommen, der mit den Augen der älteren Generationen nur schwer zu erkennen ist. Es liegt nahe, dass die Meinungen aufgrund einer gänzlich anderen Perspektive stark auseinanderklaffen.

Digitaler Wandel, Agilität, künstliche Intelligenz, Work-Life-Balance – alles Begriffe, die in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen haben und noch längst nicht ausgeschöpft sind. Das Potenzial für Wachstum in den besagten Bereichen ist unerschöpflich und wer nicht auf den Zug aufspringt, verpasst ganz schnell den Anschluss. Die Devise lautet in etwa immer gleich: Produktiver, effizienter, schneller, besser. Aber wann ist hier die Limite erreicht? In den letzten Jahren sind dazu schon einige Gegenbewegungen zu verzeichnen, die entweder aktiv initiiert wurden oder uns als ungünstiges Nebenprodukt der Entwicklung selbst, wie etwa Burnout, konfrontieren.

Um erfolgsversprechend mit dem Takt des heutigen Zeitalters mithalten zu können, sind alternative Arbeitsmodelle gefragt. Es gilt wie bei einem Parfum die richtige Mischung aller Essenzen herauszutüfteln und so zielführende Arbeitsformen, sowohl für das Unternehmen wie auch für die Mitarbeitenden, zu erschaffen. Studien in Schweden (1) zeigen, dass mittels

Arbeitszeitreduktion die Produktivität wie auch die Zufriedenheit der Mitarbeitenden erhöht wird. Als Vorreiter der Arbeitswelt 4.0 geht beispielsweise die Bielefelder Medienagentur Rheingans Digital voraus, welche seit dem November 2017 mit den Fünf-Stunden-Arbeitstage den Alltag bestreitet. Gemäss einer derzeit aktuellen Berichterstattung (2) von Medienunternehmer Lasse Rheingans ist das Experiment hinsichtlich der höheren Produktivität in der verkürzten Zeit sowie kreativeren und begeisterten Mitarbeitenden ein wahrer Erfolg. Auch das Toyota-Werk in Göteborg (3) verzeichnet nun schon seit einigen Jahren positive Ergebnisse mit Sechs-Stunden-Arbeitstagen, nämlich mehr Produktivität und entgegen der Erwartung vieler auch mehr Gewinn.

Klingt sehr einfach, ist es aber je nach Branche ganz und gar nicht. Zusammenfassend sehe ich jedoch ein starkes Potenzial in der Kombination der verschiedenen Bewegungen, welche die jetzige Zeit stark dominieren. Damit meine ich den Schwung der voranschreitenden Digitalisierung oder die künstliche Intelligenz so zu nutzen, dass sie den Menschen optimal ergänzen. Auf diese Weise ist es vorstellbar einen verkürzten Arbeitstag anzustreben, ohne dass beim Arbeitsvolumen Einbussen gemacht werden müssen. Ganz nebenbei darf man sich dadurch sogar noch positive Auswirkungen auf die Produktivität sowie Zufriedenheit der Mitarbeitenden erhoffen – sicherlich einen Gedankengang wert.

Weniger ist in vielerlei Hinsicht vielleicht eben manchmal auch mehr.

Sophia Vögtli
Organisationsberaterin

1 Der 6-Stunden-Tag: Die perfekte Work-Life-Balance? Abgerufen am 23. September 2019 von https://www.avantgardeexperts.de/de/magazin/6-stunden-tag
2 Warum der 5-Stunden-Tag effektiver ist. Abgerufen am 23. September 2019 von https://digitalenabler.de/presse.html
3 Ludwig, C. & Weller, C. (2016). Göteborg testet den 6-Stunden-Arbeitstag – mit überraschenden Ergebnissen. Abgerufen am 23. September 2019 von https://ze.tt/goeteborg-testet-den-6-stunden-arbeitstag-mit-ueberraschenden-ergebnissen/

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