Orakel, sich selbst erfüllende Prophezeiungen und Misserfolgsverarbeitung
Scritto da Eve-Marie Lagger Giovedì 15 Luglio 2010 06:42
Orakel, sich selbst erfüllende Prophezeiungen und MisserfolgsverarbeitungKennen Sie Paul aus Oberhausen? Paul, die Krake? Paul ist immer ein bisschen vorausschauender als alle anderen - auf jeden Fall was Fussball angelangt. Als Oktopus-Orakel hat er sich im internationalen Fussball mit seinen treffsicheren Weissagungen durch seine korrekte Futterauswahl ein beachtliches Renommee erarbeitet. Bereits bei der Fussball-Europameisterschaft 2008 wurde er eingesetzt. Besondere Medienbekanntheit erreichte Paul, als er während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 als er sieben aufeinanderfolgende Spielausgänge - Sieg oder Niederlage - der Begegnungen mit deutscher Beteiligung korrekt „voraussagte".
Obschon ich persönlich nicht speziell Fussball begeistert bin und mich nicht besonders mit Orakel beschäftige, fand ich im Zusammenhang mit Paul und Fussball zwei sehr menschliche und ziemlich un-mystische Phänomene spannend. Als beispielsweise die Deutschen gegen Spanien verloren haben, fand teilweise eine spezielle kollektive Misserfolgsverarbeitung statt. Ganz fatalistisch hiess es in gewissen Medien, dass Deutschland vor allem wegen dem schlechten Omen, das Paul vorausgesagt hat, verlieren musste. Im Fall eines Sieges hätte sicher jeder Deutscher Fussballfan gesagt: „Wir haben gewonnen, weil wir natürlich gut gespielt haben... wir sind eben schon eine sehr begnadete Fussballnation!". Angesichts der Niederlage wurden die Ursachen für den Ausgang des Spieles natürlich ein bisschen anders erklärt. Zum Glück war da Paul, der eine selbstwertschützende Erklärung begünstigt hat. Nach der Attributionstheorie nach Heider, Weiner und Seligmann durfte Deutschland nämlich die Niederlage ohne schlechtes Gewissen external und variabel attribuieren. Schuld war ganz klar die Situation „Da kann man nichts machen bei so einer Weissagung. Sie hatten einfach Pech." Man muss sich nicht mal gross damit auseinander setzen, ob man besser hätte spielen können oder ob man schlecht aufgestellt war. Welch eine Erleichterung!
Wirklich interessant ist jedoch der Aspekt der sich selbsterfüllende Prophezeiung. So hiess es beispielsweise in einschlägigen Gratiszeitungen, dass die Deutschen nur wegen Paul verloren haben. Die Deutschen Spieler hätten durch die mittlerweile stark legitimierte Voraussagekraft von Paul gar nicht mehr an einen Sieg geglaubt und entsprechend schlecht gespielt. Ich bin auch der Meinung, dass eine eigene Erfolgs- bzw. Misserfolgsüberzeugung einen überaus massgebenden Einfluss auf eine Arbeitsleistung haben kann. Persönlich bin ich aber dennoch sehr froh für unser liebes Nachbarland, dass sie sich nicht allzu sehr in Frage stellen müssen, sondern einfach sagen können: „Paul eben...".
Hier noch ein Link der Bild-Zeitung... auch eine Version der Misserfolgsverarbeitung:
http://www.bild.de/BILD/lifestyle/kochen/2010/07/tintenfisch-rezepte/krake-paul-wm.html
Themen-Oraklerin: Regina Chatadakis
Verfasserin: Eve-Marie Lagger